
Mit dem Fahrplanwechsel 2025/2026 gibt es im oberösterreichischen Bahnverkehr einiges zu entdecken. Eine Neuerung sticht dabei besonders hervor: Sie wirkt auf den ersten Blick unscheinbar, erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als kultur- und verkehrspolitisch bemerkenswert.
Oberösterreich zählt 18 Bezirkshauptstädte. Doch nur aus sechs von ihnen ist es künftig möglich, abends eine Vorstellung im Linzer Landestheater, Musiktheater, Konzerthaus oder eine Sportveranstaltung zu besuchen – und anschließend noch am selben Abend mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zurückzukehren. Das Musiktheater liegt nur rund zehn Gehminuten vom Linzer Hauptbahnhof entfernt, dennoch bleibt diese Möglichkeit einer klar begrenzten Auswahl an Regionen vorbehalten.
Für den Großteil der Bezirke ist der Theaterbesuch zwar prinzipiell möglich, eine Rückfahrt am selben Abend jedoch nicht. Wer aus Gmunden, aus dem Mühlviertel (etwa aus Rohrbach oder Perg) oder aus weiten Teilen des Innviertels kommt, muss weiterhin eine Nacht in Linz einplanen.
Besonders auffällig ist die Situation im Innviertel: Ausgerechnet Ried im Innkreis und Braunau am Inn – die beiden größeren Bezirksstädte der Region – bleiben von der neuen Abendverbindung ausgeschlossen. Damit betrifft dies auch ihr unmittelbares Umland, in dem zusammen nahezu 40.000 Menschen leben. Umso überraschender ist es, dass gerade Schärding, die kleinste der drei Innviertler Bezirkshauptstädte, künftig eine späte Rückfahrmöglichkeit nach einem Theaterbesuch erhält.

Das betrifft nicht nur die abendliche Bahnverbindung von der Landeshauptstadt nach Ried oder Braunau. So besteht vom Flughafen Wien nach Schärding – mit Umsteigen – noch eine Verbindung mit Abfahrt um 22:02 Uhr. Nach Ried im Innkreis bzw. Braunau hingegen endet das Bahnangebot deutlich früher: Die letzte Verbindung vom Flughafen Wien dorthin fährt bereits um 21:02 Uhr. Damit verfügen Schärding und sein Einzugsgebiet über eine bessere spätabendliche Anbindung als die größeren Nachbarstädte.
Diese Auswahl wirft Fragen auf. Warum ausgerechnet Schärding? Weder ist die Stadt die größte der Region, noch liegt sie besonders zentral. Andere Bezirke könnten mit ebenso guten Argumenten aufwarten – sei es im Hinblick auf Bevölkerungszahl, Pendlerströme, kulturelle Teilhabe oder regionale Ausgewogenheit.
Wie auch Der Grünspecht regelmäßig thematisiert, sind Verkehrsentscheidungen selten rein technischer Natur. Sie spiegeln politische Prioritäten wider: Zuständigkeiten, historische Linienführungen, Lobbying – und nicht zuletzt Zufälle, die später als Sachzwänge präsentiert werden.
Die neue Abendverbindung ist ohne Zweifel ein Gewinn für die Menschen in Schärding. Gleichzeitig macht sie sichtbar, wie selektiv Infrastrukturverbesserungen oft umgesetzt werden. Wer profitiert – und wer nicht –, ist keine Randfrage, sondern eine zutiefst politische.
Vielleicht ist Schärding diesmal Vorreiter.
Vielleicht bleibt es ein Einzelfall.
Staunen darf man jedenfalls.
Fragen stellen sollte man auch.
Quelle: https://www.oebb.at/de/neuigkeiten/fahrplan-2026/oberoesterreich
Einwohnerzahl der in unmittelbarer Umgebung der Bahnstrecken liegenden Gemeinden mit 1. 1. 2025
| von Neumarkt-Kallham | nach Schärding | von Neumarkt-Kallham | nach Braunau | |
| Riedau | 2012 | Pram | 1754 | |
| Zell a.d. Pram | 1955 | Ried | 12766 | |
| Andorf | 5221 | Neuhofen | 2529 | |
| Taufkirchen | 2963 | Tumeltsham | 1587 | |
| Schärding | 5595 | Gurten | 1190 | |
| St. Florian | 3225 | Obernberg | 1715 | |
| Brunnenthal | 2080 | Altheim | 5092 | |
| Dorf a. d. Pram | 1088 | Braunau | 17604 | |
| Mining | 1307 | |||
| Gesamt | 24 131 | Gesamt | 45 544 |